Ein Schwarzwaldhof aus dem 11. Jahrhundert


Der Martinshof wurde zum ersten Mal in einer Schenkungsurkunde Anfang des 12. Jahrhunderts erwähnt: Das Hofgut "Praedium Vischerbach" wurde von Friedrich und Arnold von Wolfach dem Alpirsbacher Kloster geschenkt. Ob diese Schenkung schon 1101 oder 1139 stattfand, wird je nach Zeitdokument anders überliefert. Das Hofgut selbst jedenfalls wurde mutmaßlich im 11. Jahrhundert an diesem idyllischen Örtchen im Kinzigtal erbaut - damals noch an der fränkisch-alemannischen Gaugrenze, zwischen der Bertholtsbaar und der Ortenau. Die eigene Hofkapelle kam vermutlich kurz nach der Schenkung an das Kloster Alpirsbach hinzu.

Was in den vielen Jahrhunderten danach folgt, ist eine bewegte Historie, in welcher der Martinshof immer wieder den Besitzer wechselte, Bestandteil vieler Streitigkeiten war und wie durch ein Wunder gleich mehrere Kriege überstand.

Der Martinshof - ein Abtsgut des Alpirsbacher Klosters


Das Schicksal des Martinshofs war stets eng verwoben mit dem Kloster Alpirsbach. Das Kloster ist 1095 entstanden, wurde 1101 unter päpstlichen Schutz gestellt und 1123 bestätigte Kaiser Heinrich V. das Recht des Klosters zur freien Wahl von Abt und Vogt. Seit jeher besaß das Kloster Alpirsbach uneingeschränktes Besitz- und Verwaltungsrecht.

In dieser Zeit oder spätestens 1139 - je nachdem welcher Überlieferung wir Glauben schenken - stifteten Friedrich und Arnold von Wolfach dem Kloster das "Praedium Vischerbach". Mit dieser Schenkung wollten sie, wie in dieser Zeit oft üblich, für das Seelenheil ihrer Vor- und Nachfahren sowie ihrer selbst sorgen. Die Martinskapelle, die dann wohl Namensgeber für den ganzen Hof wurde, kam mit hoher Wahrscheinlichkeit kurz danach hinzu. Die Mönche benötigten die Kapelle als einen ruhigen Rückzugsort zum Beten.

Zwischen 1275 und 1277 erweiterte das Kloster das Gut mit den Ländereien rund um das "Bergeck", die Albert und Berthold von Ramstein gehörten. Weitere Felder kaufte das Kloster von Hans von Waldstein im Jahr 1309. Die letzte gut dokumentierte Hoferweiterung kam wohl im Jahr 1346 dazu, als Agnes von Ramstein und ihre Kinder die "Breitmatte" auf der anderen Seite der Kinzig für 16 Pfund Pfennig an das Kloster Alpirsbach abtraten.

Streitigkeiten um den Martinshof


Auch der Einfluss der verschiedenen Vögte von Alpirsbach hatte immer wieder Auswirkungen auf den Martinshof. Diese Position hatten zuerst die Herzöge von Teck, ab 1363 Herzog Conrad von Urslingen und später die Grafen von Württemberg inne. Lange Zeit waren die rechtlichen Verhältnisse auf dem Martinshof klar geregelt. Womöglich ist die Reformation in der Amtszeit von Herzog Ulrich von Württemberg, die das Kloster 1534 erstmals evangelisch werden ließ, Auslöser für die verschiedenen Wirren um das Kloster und dessen Besitztümer wie der Martinshof.

Der Einfluss der Herzöge aus dem Haus Württemberg auf das Kloster wurde mit der Zeit immer größer. 1556 ließ Herzog Christoph das Kloster endgültig aufheben und gründete eine evangelische Klosterschule. Zwischen 1560 und 1563 kam es dann zum Streit zwischen dem Herzog von Württemberg und dem katholischen Haus Fürstenberg. Der Herzog bestätigte wieder einmal die alleinigen Vogteirechte des Abts von Alpirsbach über den Martinshof. Da der Hof zu dieser Zeit allerdings an Conrad Baumann von Hausach verpächtet war, verlangte das Haus Fürstenberg, dass ihr Gesetz auf dem Gut zu gelten habe. Wie sich beide Parteien einigten, wird nicht ganz klar. Lange hielt die Ruhe jedenfalls nicht an.

Ein weiterer Streit zwischen Fürstenberg und Württemberg soll sich von 1581 bis 1586 erstreckt haben. Den Fürstenbergern entgingen aus ihrer Sicht unrechtmäßig Steuereinnahmen von den Pächtern, die im Umland des Martinshofs einen Rebenanbau unterhielten. Es folgte ein Urteil, welches dem Haus Fürstenberg das Vogtei-, Jagd sowie Fischereirecht zusprach. Diese Rechte beschränkten sich allerdings auf die Ländereien und galten nicht unmittelbar für die Wohngebäude und die Bewohner des Martinshofs selbst. Hier behielt der Abt von Alpirsbach all seine Rechte.

Auswirkungen des Dreißigjährigen Kriegs und Westfälischen Friedens


In Folge des Resitutionsedikts von 1629, das von Kaiser Ferdinand II. erlassen wurde, kehrten von 1629–1631 und von 1634–1648 noch einmal katholische Mönche aus Ochsenhausen in das Kloster Alpirsbach zurück. Das Edikt forderte nämlich die Rückerstattung aller seit 1555 von protestantischen Fürsten eingezogenen geistlichen Besitztümer. Das Resitutionsedikt wird als Wendepunkt im Dreißigjährigen Krieg bezeichnet, da es den eigentlich gebrochenen protestantischen Widerstand neu entfachte.

Von diesen ständigen Veränderungen blieb auch der Martinshof nicht verschont. 1638 wird Pater Alphons Kleinhans von Muregg durch die Wahl in Petershausen der neue Abt von Alpirsbach. Im Jahr 1647 verkaufte dieser den Martinshof dann zum Preis von 3300 Gulden an das katholische Fürstentum Fürstenberg. Heute entspräche dieser Preis in etwa 110.000 Euro und lag für damalige Verhältnisse deutlich unter Wert. Der Verkauf kam in dieser Form nur zustande, da das Alpirsbacher Kloster aufgrund hoher Schuldenberge unter großem finanziellem Druck stand. Die Fürstenberger, die offensichtlich ein anhaltend großes Interesse am an der Gemarkungsgrenze gelegenen Martinshof hatten, nutzten diese Gunst der Stunde zu ihrem Vorteil.

Der Martinshof blieb allerdings nicht lange in Fürstenberger Händen. Denn ein Jahr später beendete der Westfälische Frieden hochoffiziell den Dreißigjährigen Krieg, womit auch das kaiserliche Restitutionsedikt aufgehoben wurde. In der Folge forderte Herzog Eberhard von Württemberg den Martinshof gegen Erstattung der damaligen Kaufsumme zurück. Da mit dem Westfälischen Frieden auch das Kloster Alpirsbach wieder evangelisch wurde, floh Abt Alphons in die Benediktiner-Reichsabtei Ochsenhausen.

Ausbau des Hofs - Entstehung der alten Mühle


Der Martinshof war also wieder im Besitz vom Haus Württemberg. Doch schon 1656 vermachte Herzog Eberhard seinem Oberamtmann in Hornberg das gesamte Gut. Johann Abraham Wolfsfurther baute wenige Jahre später (1659) die heute bekannte Mühle, in der laut Überlieferungen sich auch eine kleine Bierbrauerei befand. Ob es diese tatsächlich gab, ließ sich bisher nicht bestätigen - allerdings gilt es als sehr wahrscheinlich, da der Martinshof zu dieser Zeit bereits eine Schankerlaubnis besessen haben soll.

Nach dem Tod von Vater Wolfsfurther erbte sein Sohn Ernst Friedrich das Gut. Der verkaufte nach und nach große Teile der Ländereien und 1696 letztendlich alle übrig gebliebenen Länder des Guts an die Brüder Anton Maria Friedrich und Prosper Fedinand von Fürstenberg.
Über diesen Weg kam der Martinshof im Jahr 1699 zu Simon Gebele von Waldstein, dem Oberamtmann der beiden Fürstenbrüder. Nachfolger war sein Enkel Johann Anton Gebele zu Waldstein und schließlich Jacob Bonaventura Gebele zu Waldstein. Was folgt ist eine große Lücke in den Aufzeichnungen zum Martinshof. 1791 soll sich noch ein Brand ereignet haben, der von einem Blitzeinschlag ausgelöst wurde - was genau beschädigt wurde, ist nicht dokumentiert.

Im 19. Jahrhundert erfolgte dann ein außergewöhnlicher Vorgang: Bonaventura Gebele zu Waldstein verkaufte den Martinshof für 12.000 Gulden an seinen Pächter Sebastian Harter. Damit ist erstmals in der bis dahin 700-jährigen Geschichte des Hofguts der Bebauer und Verwalter auch gleichzeitig der Eigentümer vom Martinshof. Der aus dem Reutengrund stammende Sebastian Harter beantragte beim Kinzig-Kreis-Direktorium sogleich die Zuteilung des Guts zur Gemeinde Sulzbach und bekam 1821 die Zustimmung hierfür, trotz aller Proteste der Stadt Hausach.

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    Entstehung vom Hechtsberg und Dezimierung der Ländereien


    Die Gemeinde Sulzbach, ursprünglich ausschließlich südlich der Kinzig gelegen, dehnte sich mit der Eingliederung des Martinshofs also auf die nördliche Flusseite aus. Das eröffnete den Besitzern neue Möglichkeiten zur Bebauung und wirtschaftlichen Nutzung, die allerdings erst nach dem Tod Sebastian Harters genutzt wurden. Seine verwitwete Frau Theresia heiratete im Jahr 1828 Anton Kohler, welcher fünf Jahre später (1833) auf der Südseite der Kinzig das Herrengut Hechtsberg erbaute. Dieses Gut war mit einer Holzbrücke über die Kinzig mit den nördlich gelegenen Ländereien verbunden. Wenig später verstarb Anton Kohler jedoch.
    Theresia Harter ging dann im Jahr 1836 eine 3. Ehe mit Jakob Neef ein, dem Sohn des Ochsenwirts in Wolfach. Dieser verkaufte ein Jahr später große Teile des Martinshofs an den ersten Standesherr in Baden - das war zu dieser Zeit Karl Egon II. vom Haus Fürstenberg. In diesem Zuge übertrug er die Gaststättenerlaubnis vom Martinshof auf den Hechtsberg. Feld, Wiese und Wald südlich der Kinzig wurden nicht verkauf und gehörten damit dem neuen Herrengut Hechtsberg.

    Im Oktober 1857 erwarben der Bauer und Getreidemüller Karl Kohmann sowie seine Frau Theresia Meßmer den Martinshof und dessen dezimierten Ländereien. Die Wälder nördlich der Kinzig blieben nun allerdings endgültig im Besitz von Fürstenberg: Karl Egon III. organsisierte und expandierte in dieser Zeit das fürstenbergische Forst- und Hüttenwesen. Auch heute ist der "Martinswald" noch im Besitz der Adelsfamilie.

    Wie genau es zu diesem neuerlichen Besitzerwechsel kam, ist nicht ganz klar: Der Fischerbacher Josef Neumaier soll bereits neuer Eigentümer des Martinshofs gewesen sein und hatte sich verschuldet, da der Hof ohne den wertvollen Waldbesitz sich finanziell nicht trug. Der Martinshof wurde in der Folge zwangsversteigert und das Ehepaar Kohmann bekam den Zuschlag.

    Der Martinshof bis heute


    Der Martinshof blieb lange im Besitz der Familie Kohmann: Auf Karl folgte sein Sohn Johann Georg, auf diesen wiederum Augustin und zuletzt Andreas Kohmann. Der Althofbauer war einer der letzten Bewohner des Martinshofs, bevor die Gemeinde Fischerbach diesen historischen Schwarzwaldhof im Jahr 2010 vom Neffen Klaus Kohmann erwarb.

    Andreas Kohmann war somit auch der letzte Zeitzeuge, der von den Geschehnissen des 2. Weltkriegs rund um den Martinshof berichten konnte. 1939 wurde ohne die Erlaubnis seines Vaters Augustin, dem damaligen Eigentümer, drei Bunker ausgehoben. Es entstanden ein Mannschaftsbunker unterhalb der Mühle, ein zweiter nahe der Kapelle und ein Kampfbunker am Waldrand oberhalb des Hofs. Dabei wurde der etwa 3 Hektar große Rebenanbau zerstört, welcher noch aus der Epoche des Alpirsbacher Klosters stammte.

    Das Militär wählte den Martinshof aus, da er an dieser engen Stelle im Kinzigtal bei einem drohenden Vormarsch der französischen Armee eine strategisch günstige Verteidigungstellung darstellte. Zum Glück blieben die Bunker unbenutzt: Die deutschen Soldaten flohen noch vor der Ankunft der Franzosen in den Hochschwarzwald. Beim Durchmarsch der Franzosen wurden dann etwa 2 Hektar vom Martinswald abgeholzt. Fürstenberg verlor das Interesse an diesem Teil der Fläche und verkaufte an Augustin. Nachdem er diesen Bereich über viele Jahre aufforstete, kam der Martinshof so wieder in den Besitz eines eigenen Walds.

    Der Martinshof überstand den Krieg unbeschadet und fand schließlich über die Gemeinde Fischerbach den Weg zur Familie Reimold.


    Quellen:
    - Städtisches "Museum im Herrenhaus" - Heimatmuseum Hausach
    - "Abt Alphons verkauft den Martinshof an die Fürstenberger" - Hausach Chronik Online
    - "Das Herrengut Hechtsberg ist Teil des Martinshofes" - Hausach Chronik Online
    - "Martinshof ältester Hof im Kinzigtal" - Interview mit Andreas Kohmann im Offenburger Tageblatt vom 12.06.2015